Brauchen wir eigentlich noch eigene Autos?

Jeder Autofahrer weiß: Mit dem privaten PKW durch die belebte Stadt ist absolut kein Zuckerschlecken. Der Verkehr nimmt mehr und mehr zu – Staus, Umweltverschmutzung und Parkplatzprobleme sind die Folge. Denn auch wenn sich der Trend vom Auto als Statussymbol weg, hin zu einem grünen Lebensstil und einem möglichst ökologischen Fußabdruck bewegt, so ist das Auto trotzdem noch das beliebteste Fortbewegungsmittel der Deutschen.  

Doch nicht nur viele Stadtbilder werden noch immer von dem Auto dominiert. Vor allem im ländlichen Raum ist das Auto aufgrund lückenhafter ÖPNV-Netze noch immer unangefochten das meistgenutzte Verkehrsmittel.  

Gleichzeitig gilt auch: Wo ein Trend ist, ist immer auch ein Gegentrend. Und so war das Auto, im Hinblick auf Luftverschmutzung und Klimawandel, noch nie so umstritten wie jetzt. Dazu kommen die Debatten über Fahrbeschränkungen und Fahrverbote – eine Verkehrswende muss kommen und zwingt die Automobilindustrie zum Umdenken sowie zur Umstrukturierung. 

Mit der steigenden Anzahl von Elektro-Autos auf Deutschlands Straßen scheint zumindest der Anfang gemacht zu sein: Bis Ende des Jahres werden, zusätzlich zu den 341.000 Hybridfahrzeugen, bereits etwa 83.000 angemeldete Elektrofahrzeuge erwartet. Ein kurzer Vergleich mit Norwegen, wo bereits jedes zweite Auto elektrisch fährt, zeigt uns jedoch, dass wir in Deutschland noch einen langen Weg vor uns haben.  Vor  allem auch, weil zur Erreichung der Klimaziele bis 2030 mindestens zehn Millionen Elektro-Fahrzeuge nötig wären.  

E-Autos allein scheinen also nicht des Rätsels Lösung zu sein. Besonders mit Blick auf die Tatsache, dass jedes Auto – egal ob elektrisch angetrieben oder nicht – im Schnitt nur von 1,5 Personen genutzt wird. Damit rückt der Faktor Effizienz in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Denn eine Verkehrswende kann nur gelingen, wenn die vorhandenen Verkehrspotentiale ausgeschöpft und effizient genutzt werden – dies kann jedoch nur geschehen, wenn Menschen und Wege gemeinsam gedacht werden: Zum einen über die Bereitstellung eines starken ÖPNV für Strecken, die vielbefahren sind, zum anderen über Maßnahmen wie  Ridesharing oder Ridepooling für weniger befahrene Strecken. Welche Lösungen sich für welches Gebiet konkret eignen, lässt sich datengetrieben mit einer umfassenden Mobilitätsanalyse identifizieren.  

Flexibel dank starkem ÖPNV

Um als echte Alternative zum privaten Auto wahrgenommen zu werden, muss der ÖPNV jedoch besonders in dem Punkt der Flexibilität und Bedarfsorientierung sein Profil schärfen. Denn gerade der Megatrend Individualisierung prägt nicht zuletzt auch die Mobilität der Zukunft entscheidend mit. So wird das Mobilitätsverhalten und -muster des Einzelnen immer individueller und vielschichtiger. Ob beruflich gefordert, zur eigenen Nahversorgung, sozial motiviert oder als Reiseaktivität – Mobilität wird trotz (oder gerade wegen?) digitaler Kommunikation zur obersten Prämisse.  

Nun ist allerdings der klassische ÖPNV mit festen Fahrzeiten, festgelegten Haltestellen und dem aufwendigen Schienennetz nicht unbedingt das Paradebeispiel für Flexibilität. Eine Lösung, die an dieser Stelle gewinnbringend integriert werden kann, ist die Überbrückung der ersten und letzten Meile. Hier kommen On-Demand Verkehre ins Spiel, dessen großflächiger Ausbau, besonders in der Kombination mit Elektroantrieben und Ridepooling, ein großer Schritt in der Verkehrswende darstellen könnte. 

Gleichzeitig bringen On-Demand-Services einen immensen ökonomischen Vorteil mit sich: Denn besonders in ländlichen Regionen sind Leerfahrten im Buslinienverkehr außerhalb der Stoßzeiten keine Seltenheit. On-Demand buchbare Shuttles, im Optimalfall elektrisch, bringen die Kunden zu gut angebundenen Haltestellen, sind zusätzlich kleiner, spritsparender, günstiger als Linienbusse und fahren nur bei Bedarf. Auch ioki konnte bereits einige On-Demand-Services im ländlichen Raum erfolgreich integrieren. Mit dem ersten digitalen Rufbus Deutschlands konnten wir zum Beispiel in Wittlich die Passagierzahl um 400% steigern.  

Lückenhafte ÖPNV-Netze sind jedoch nicht ausschließlich ein ländliches Phänomen. Auch einige Stadtbezirke sind bis heute nicht optimal an den bestehenden Nahverkehr angebunden. In solchen Situationen können On-Demand-Services eine kosteneffiziente, schnell umsetzbare sowie bedarfsgerechte Lösung sein. In der Praxis haben wir dies bereits in den Hamburger Stadtteilen Osdorf und Lurup umgesetzt.  

Es gibt also durchaus Konzepte für die Mobilität ohne EIGENES Auto, auch wenn man nicht leugnen kann, dass diese sich zumindest in der näheren Zukunft noch am Grundkonzept Auto orientieren werden. Der erste Schritt wird also nicht die totale Abschaffung der privaten Autos sein – es gilt, das Maximale an Service und Flexibilität mit dem Minimum an Fahrzeugen zu ermöglichen. Auf ein eigenes Auto wird aber in vielen Fällen verzichtet werden können. Denn die aktuellen Entwicklungen und das Aufkommen immer neuer, vom reinen Individualverkehr unabhängige, Fortbewegungsformen zeigen: Mobilität wird zunehmend vernetzter, digitaler, multi-modaler und grüner – einen Trend, den das private Auto nur noch bedingt zu bedienen weiß.