Shared Mobility: Wenn Nutzen Besitz ablöst

„Durch Teilen mehr zu erhalten, als zu geben“ – Nicht nur mit diesem Leitspruch trifft die aktuelle Kampagne „Das ist grün“ der Deutschen Bahn den Nerv der Zeit. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Ausspruch? Wie lässt sich durch den individuellen Verzicht ein allgemeiner Mehrwert stiften? Und handelt es sich bei all dem wirklich um eine tatsächliche Entbehrung oder ist es nicht vielmehr genau das Gegenteil davon?

Sharing is caring: Über die Idee der Sharing Economy

Die Idee des Teilens ist nicht neu – und dennoch prägt sie derzeit nahezu eine ganze Generation. Denn mit den Möglichkeiten des Internets entstehen gänzlich neue Kommunikations- und Interaktionsräume, die die einstige Nachbarschaftstauschbörse auf eine neue Stufe heben – ganz im Sinne einer vernetzten Gesellschaft. Unterstützt wird der „Share-Gedanke“ dabei von unzähligen Plattformen, sozialen Netzwerken und Apps wie WHY own it, niriu oder WeeShare, die den einfachen Austausch zwischen Nutzern ermöglichen. Die Sharing Economy ist auf dem Vormarsch – jeder dritte Deutsche nimmt bereits Sharing-Dienste in Anspruch.

Das Prinzip dahinter ist eigentlich ganz einfach: Es geht ums Teilen und darum, Gegenstände und Dienstleistungen nicht mehr nur für sich selbst zu beanspruchen, sondern auch anderen Personen Zugang zu dem erstrebten Gut oder Service zu gewähren. Aufzählungen wie „mein Haus, mein Auto, mein Boot“ scheinen damit überholt. Denn im Zentrum der Sharing Economy steht die Idee, über Gegenstände nicht mehr als „Alleinherrscher“ zu verfügen, sondern sie vielmehr über digitale Plattformen Freunden und Fremden zum gemeinsamen Nutzen anzubieten.

Doch statt damit dem Einzelnen ein Gefühl des Verzichts aufzubürden, schafft die Idee der Sharing Economy vielmehr neue (Konsum-)Freiräume – vor allem dann, wenn der tatsächliche Besitz finanziell nicht möglich oder wirtschaftlich ist oder das Gut nur partiell benötigt wird.

Paradebeispiel Auto

Genau diese Beobachtung lässt sich auch im Zusammenhang mit dem Verständnis des Autos feststellen. So belegt zum Beispiel eine Studie, dass durch Shared-Mobility-Angebote wie Carsharing die privaten Ausgaben für Autos bis 2040 um 25 bis 30 Prozent zurückgehen werden.

Damit passt sich unser Konsumverhalten unseren aktuellen Lebensumständen an: Denn die Digitalisierung macht alles schneller, alles vernetzter, alles neu – und das in einem Horizont der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Während wir morgen einen Transporter für einen jobbedingten Umzug benötigen, brauchen wir übermorgen einen smarten Shuttle Service von der S-Bahn-Haltestelle zum Schreibtisch und in vier Wochen einen Kombi für den Urlaub: Nutzen löst Besitz ab und wird so zum Paradigma einer neuen Form des Wirtschaftens.

Dabei birgt das Sharing-Prinzip, besonders im Bereich Verkehr und Umweltschutz, ein enormes Potential – für den Einzelnen genauso wie für die Gesellschaft als Ganzes. Laut Carlo Ratti vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), würden in einer Metropole wie Singapur, 30 Prozent der Fahrzeuge ausreichen, um die Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung zu bedienen. Durch Carsharing könnten zusätzlich weitere 40 Prozent der PKWs wegfallen – wären die Passagiere bereit, ähnliche Strecken gemeinsam zu fahren.

Doch nicht nur unser Verhältnis zum Auto an sich verändert unsere Mobilitätsmuster. Die Sharing Economy erstreckt sich mittlerweile auf nahezu jede Branche und reflektiert damit diverse Lebensbereiche, nicht zuletzt auch unser Arbeitsleben. Denn mit der fortschreitenden Digitalisierung gehen gleich zwei Effekte einher: Zum einen wird durch die neuen Kommunikationsräume des Internets Wissen demokratisiert und über permanente Verfügbarkeit massenhaft geteilt, zum anderen etablieren sich aufgrund dieser Mechanismen und über Plattformen immer mehr Freelancer. Im Rückkehrschluss bringt dies wiederum nicht unwesentliche Implikationen für die Mobilitätsbedürfnisse des Einzelnen mit sich. Denn in Zeiten von digitalen Teams, Homeoffice und Coworking Spaces verliert der Arbeitsweg an Routine, muss zum Teil jeden Tag neu gedacht und daher so flexibel und modular wie möglich ausgestaltet werden.

Die Vielzahl neuer Angebote, mit denen Unternehmen den Mobilitätsbedürfnissen ihrer Mitarbeiter begegnen, unterstreicht diese Entwicklung. Denn schon längst ist der Dienstwagen nicht mehr die einzige und beste Lösung. Corporate Carsharing ist voll im Trend: „Das Spektrum der Kunden reicht vom Freiberufler, der lediglich ein oder zweimal pro Woche fährt, über Handwerksbetriebe, die zusätzlich zum bestehenden Fuhrpark einen Wagen benötigen, bis hin zu Großunternehmen, Behörden und Banken“, berichtet Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverbands Carsharing.

Und nun?

Nun ist es an uns, die Möglichkeiten der Sharing Economy gewinnbringend für uns zu nutzen. Mit den neuen Technologien wird unsere Welt immer vernetzter, die Grenzen des Erreichbaren verschieben sich und ganze Industriesektoren werden eine gravierende Veränderung erleben – die Mobilitätsbranche geht dabei innovativ voran.