NACHGEFRAGT bei Sigrid Dalberg-Krajewski

Sigrid Dalberg-Krajewski ist Head of Marketing and Communications bei Trafi, wo sie die Bereiche Unternehmenskommunikation, Public Affairs und Social Media leitet. Zuvor war Sigrid als Schnittstelle zwischen Diplomatie und PR aktiv: Mit einem Hintergrund in Politikwissenschaft und Regierungsangelegenheiten und der Arbeit bei einer Handvoll Botschaften, wagte sie sich später hinaus in die Welt der Startups. Dort war sie am Aufbau der Marketing-, Kommunikations- und Markenstrategien für Unternehmen wie Zalando, MySpace, trivago und Trafi beteiligt. Ihre aktuelle Mission ist es, Mobilität für das Wohl der Allgemeinheit zu gestalten und deren Präsenz stärker in den Entscheidungsprozess einzubeziehen – schließlich ist Mobilität für alle da.

Unter anderem über diese demokratisierende Eigenschaft von Mobilität haben wir mit Sigrid Dalberg-Krajewski gesprochen.

Liebe Frau Dalberg-Krajewski, betrachtet man ihren Lebenslauf, so haben sie vielfältige Stationen durchlaufen, sowohl Mode- und Tourismus, sowie auch ua. im Konsulat in Pakistan. Daher interessiert uns: Warum entschieden Sie sich für einen Spurwechsel in die Mobilitätsbranche?  

Ich war schon immer von einem tieferen Sinn angetrieben und wollte mehr über eine Branche erfahren, die sowohl Teil der Gegenwart als auch der Zukunft ist. Wenn man meine Freunde fragt, bin ich die Erste, die eine Herausforderung annimmt, und ich hatte noch keinerlei Erfahrung in der Mobilität. Also dachte ich einfach, als sich die Chance ergab: JA. Hier habe ich die Möglichkeit, meinen Horizont zu erweitern und Teil einer Veränderungsbewegung zu sein – eine Veränderung zum Besseren.

Zu den zahlreichen Mobilitätsangeboten heutzutage, gehören seit kurzer Zeit nun auch E-Scooter: Wie stehen Sie zu Sharing-Angeboten von E-Scootern? Sind sie schon einmal E-Scooter gefahren? Inwiefern ist der Einsatz von E-Scootern und Bikesharing in Großstädten sinnvoll?

Ich bevorzuge es, selbst aktiv zu sein, statt aktive Mobilität. Man sieht mich eher zu Fuß oder mit dem Fahrrad, als mit einem E-Scooter. Aber ich habe sie natürlich ausprobiert und auch ich finde sie wirklich praktisch. Sowohl Roller als auch Fahrräder haben ihre Anwendungsfälle in den Städten und Vororten. Sie können das Auto oder andere Fahrzeuge für die erste und letzte Meile ersetzen. Jede neue Mobilitätsoption, die uns helfen kann, umweltfreundlicher zu reisen und unsere Städte sicherer, grüner und gesünder zu machen, beginnt meiner Meinung nach auf der positiven Seite. Auf der Minusseite steht, dass wir noch keinen richtigen Weg gefunden haben, wie wir die Infrastruktur anpassen, die Öffentlichkeit aufklären oder all diese Millionen Fahrten in Erkenntnisse für die Stadt verwandeln können. Das wollen wir mit der speziell für Städte entwickelten Mobilitätstechnologie von Trafi unterstützen.S

Sie haben einige Zeit in Asien gelebt und u.a. dort gearbeitet. Was können wir von den asiatischen Ländern lernen, wenn es darum geht, in Großstädten von A nach B zu kommen – und das ohne eigenes Auto? Was hat Sie besonders beeindruckt?

Ich habe eine Weile in Bangkok gelebt und stelle fest: Nur in Bezug auf die Größe der Fläche unterscheidet sich die Stadt deutlich von vielen europäischen Städten – auch von Berlin, wo ich jetzt wohne. Bangkok verfügte über ein hervorragendes öffentliches Verkehrssystem mit zuverlässigen Fahrplänen und günstigen Tarifen. Da all die öffentlichen Verkehrsmittel auch noch dazu klimatisiert sind, war es für viele Menschen die erste Wahl. Wie in vielen anderen asiatischen Städten gilt der Besitz eines Autos jedoch als eines der wichtigsten Statussymbole. Ein Auto ist gleich Erfolg und es ist eines der ersten Anzeichen für den Einstieg in die Mittelklasse. Tatsächlich sind die Straßen von Bangkok von Autos überflutet und haben sehr begrenzte Gehwege. Auch wenn Sie durch die Stadt schlendern möchten, ist es an vielen Stellen unmöglich – schlichtweg, weil es keinen ausreichenden Platz für Fußgänger gibt. Meiner Meinung nach nimmt an einigen Orten in Europa der Stellenwert des Besitzes eines Privatfahrzeugs ab und steht sogar auf dem Kopf. Ich bin gebürtige Schwedin, so dass für mich auch neue Verhaltensänderungen wie “flygskam” (Schande des Fliegens) auch im Alltag sichtbar sind.

Sie arbeiten für Trafi und sind beruflich oft unterwegs. Wie empfinden Sie Berlin als Großstadt – was stört sie dabei besonders an Ihrem Arbeitsweg? Wo gibt es Ihrer Meinung nach Optimierungsmöglichkeiten?

Im Moment bin ich sehr glücklich, weil ich einen 15-minütigen Fußweg zur Arbeit habe, den ich sehr genieße. Aber trotz der kurzen Distanz kann ich viele Verbesserungen für diese kleine Pendelstrecke feststellen. Ein Beispiel ist die Anzahl der Biker: Es ist fantastisch, so viele Radfahrer zu sehen, aber sie haben keinen Platz! Die Infrastruktur kann nicht nur darauf beruhen, dass die Bürger mit dem Auto unterwegs sind, sondern muss auch Raum für andere Arten der Fortbewegung schaffen – vor allem für die Wege, die keinen Schaden anrichten, weder für Mensch noch für Umwelt. Wenn wir vom Einzelbesitz weg und in den gemeinsamen Nahverkehr übergehen wollen, müssen wir es selbstverständlich machen, das Auto zu Hause stehen zu lassen. Das bedeutet nicht nur, dass wir andere Optionen anbieten, sondern auch, dass sie sicher, reibungslos und idealerweise emissionsfrei sind. Wir müssen den öffentlichen Verkehr erleichtern, garantieren, dass sich die Menschen auf ihn verlassen können, und gleichzeitig bequeme Möglichkeiten für die erste und letzte Meile bieten. Außerdem müssen wir es für die Benutzer einfach und praktisch machen. Gemeinsam mit der BVG in Berlin haben wir mit Jelbi eine App entwickelt, die alle Arten von Mobilität in der Stadt verbindet und integriert. Auf diese Weise wird die gemeinsame Mobilität für alle zugänglich – ohne die Mühe, sich für 25 neue Transport-Apps zu registrieren. Sie haben ein Konto für alle Mobilitätsmodi – eines für alle, alle für einen.

Wie ist Ihre Vorstellung der Zukunftsmobilität? Was muss noch getan werden, um Mobilität für alle zugänglich zu machen?

Wie lange haben wir noch? Ich glaube, dass sich einige aufkommende Trends zur Norm weiterentwickeln werden. Wir werden eine neue Ära der Massenmobilität erleben. Die Städte stehen unter dem ständigen Druck einer wachsenden Bevölkerung und die Urbanisierung wird weiter zunehmen. Deshalb müssen wir uns auf den Betrieb von Verkehrsnetzen vorbereiten, die täglich Millionen von Menschen durch unsere Megapolen führen. Die Fortbewegung durch städtische Gebiete ist heute weniger als angenehm. Die Anforderungen der Verbraucher steigen, und wir müssen darauf hinarbeiten, alle Arten von inner- und außerstädtischen Verkehrsmitteln schnell, flüssig, reibungslos und bezahlbar zu machen. Schließlich ist Mobilität – und der Zugang zur Mobilität – eine Frage der Demokratie. Wenn man sich nicht frei bewegen kann, kann man sich nicht frei entscheiden, wo man arbeitet, lebt und liebt. Alle Mobilität in der Handfläche zu haben (Hello Jelbi!), bedeutet auch, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln verschwimmen. So können wir endlich erreichen, was mit MaaS wirklich gemeint ist. Mobilität als Dienstleistung, als Werkzeug, um das Leben leichter zu machen. Bei der Mobilität geht es darum, das zu konsumieren, was man braucht. Ein weiterer Themenschwerpunkt ist die Nachhaltigkeit. Wir können es uns nicht erlauben, die Nutzung von Transporten fortzusetzen, die unsere Luft verschmutzen und uns krank machen. Die emissionsfreie Mobilität wird allmählich zur Hauptform der Mobilität werden – und hoffentlich der einzige Weg. Schließlich glaube ich, dass das gesamte Mobilitätsnetzwerk – vom öffentlichen bis zum privaten Unternehmen – in einigen wenigen operativen Plattformsystemen vernetzt, optimiert, analysiert und reguliert werden muss. Ich plädiere nachdrücklich dafür, dass in dieser Sache vor allem die Städte vorankommen und sich statt kommerzieller Unternehmen dafür verantwortlichen zeichnen.

Es ist an der Zeit, dass wir über den Rand des Profits hinaus auf das Wohlergehen unserer Bürger, Städte und unseres einen und einzigen Planeten Erde schauen.