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22. Apr.
/ Deutschland
NACHGEFRAGT bei Michael Wurm Head of Mobility Analytics bei ioki
Michael Wurm ist Head of Mobility Analytics bei ioki und bringt neben 15 Jahren Expertise im Bereich Verkehrsplanung & Verkehrsmodellierung seine Begeisterung für datengetriebene Analysen ein. Denn er ist überzeugt, dass neue Mobilitätsangebote nur mit der richtigen analytischen Herleitung ein Erfolg werden können. Michael ist nahezu seit der ersten Stunde bei ioki mit dabei. Aufgewachsen auf dem Land beschäftigt er sich seit jeher mit der Frage, wie ein Leben ohne eigenes Auto funktionieren kann – vor allem auch in ländlichen Regionen. Mit der Vision von ioki kann er sich daher bestens identifizieren. Heute spricht er mit uns über die Bedeutung neuer Mobilitätslösungen für bestehende Systeme, wichtige Fragen bei der Integration neuer Services und die Macht der Daten.
Michael, klären wir zunächst die Grundlagen: Was macht eine gute Mobilitätsanalyse für dich aus? 

Eine gelungene Mobilitätsanalyse zeichnet sich vor allem durch einen ganzheitlichen Ansatz aus. Das heißt, dass wir uns vom großen Ganzen immer mehr zu einzelnen Detailfragen bewegen, sowohl in der zeitlichen als auch räumlichen Dimension.  Dabei setzen wir auf einer allgemeinen Bestandsaufnahme des Status Quo auf und tasten uns entlang unterschiedlicher Fragestellungen immer weiter in das zu untersuchende Gebiet vor. All dies gelingt uns mit Hilfe immens großer und detaillierter Daten in Kombination mit verkehrsplanerischem Knowhow, die in jeden Teil der Analyse miteinfließen. So können wir den IST-Zustand im Detail beschreiben, Potentiale und Whitespots identifizieren und den gesamten Verkehr abgestimmt auf die tatsächlichen Bedarfe vor Ort optimieren.  

Unser Fokus bei jeder einzelnen Mobilitätsanalyse ist die Entwicklung individueller und passgenauer Empfehlungen. Es geht uns nicht darum, fixe Modelle auf eine beliebige Region zu adaptieren, sondern vielmehr im Horizont des ausgewählten Gebiets sowie der Bevölkerungs- und Infrastruktur echte Lösungen für tatsächliche Probleme vor Ort zu finden: Im ländlichen Raum herrschen ganz andere Herausforderungen als in der Stadt – das weiß ich aus eigener Erfahrung ganz genau.  Neue Lösungen für zum Beispiel die Mitarbeitermobilität stehen wiederum auf einem ganz neuen Blatt. Im Grunde ist genau dies das beste Kennzeichen für eine erfolgreiche Mobilitätsanalyse: Die Entwicklung konkreter, auf das Bediengebiet passgenau abgestimmter Maßnahmen zur Steigerung der individuellen Attraktivität eines Mobilitätsangebots.  

In der Theorie klingt das absolut nachvollziehbar. Doch wie schafft man nun den Sprung in die Praxis? Was muss bei dem Aufsatz neuer Mobilitätsangebote unbedingt beachtet werden? 

In der Praxis geht es vor allem darum, neue und bestehende Lösungen miteinander zu verknüpfen. Es hilft niemandem, auf dem Papier perfekte Lösungen zu entwickeln, die sich jedoch weder effizient noch nachhaltig in das echte System integrieren lassen. Daher berücksichtigen wir bei jeder Analyse nicht nur die Anknüpfungspunkte neuer Services, sondern vor allem auch die symbiotische Wirkung zwischen dem aktuellen Verkehrssystem und neuen Zusatzangeboten. Unsere oberste Prämisse ist es, den ÖPNV als Sicherer der allgemeinen Mobilität zu stärken, ihn bedarfsgerecht zu ergänzen und ihn so überall – ob in der Stadt oder auf dem Land – zukunftsfähig zu machen.  

Könntest du uns ein Beispiel nennen, wo die Verzahnung neuer und bestehender Services – nicht zuletzt dank einer vorhergehenden Mobilitätsanalyse – optimal funktioniert hat? 

Beispiele für die gelungene Verknüpfung neuer und bestehender Mobilitätslösungen gibt es viele. Das bekannteste ist aber wahrscheinlich ioki Hamburg. Seit dem Projektstart im Juli 2018 überbrücken wir gemeinsam mit unserem ioki Hamburg Partner, den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein (VHH), in der Hansestadt in mittlerweile drei Stadtteilen mit zumeist elektrischen Shuttle-Fahrzeugen die erste und letzte Meile und stärken so das lokale ÖPNV-Angebot. Das Projekt, das 2019 sogar mit dem Deutschen Mobilitätspreis ausgezeichnet wurde, ist nicht zuletzt so erfolgreich, weil wir vor dem Start eine detaillierte Mobilitätsanalyse durchgeführt haben. Wir haben überprüft, in welchen Gebieten der Großstadt noch nicht bediente Mobilitätsbedarfe herrschen und an welchen Stellen das bereits sehr breite ÖPNV-Angebot noch weiter über On-Demand-Lösungen optimiert werden kann. Das Ergebnis ist ein bedarfsgerechtes Angebot, das sich vor allem an die außerhalb gelegenen Wohngebiete Osdorf und Lurup und seit November 2019 außerdem an das stark von Pendlern frequentierte Industriegebiet Billbrook richtet. In diesen Gebieten haben wir den größten Nutzen bedarfsgerechter Mobilitätslösungen sowie Optimierungspotentiale identifiziert und entsprechend unserer datenbasierten Analyse ein in den ÖPNV tiefenintegriertes On-Demand-Angebot entwickelt.   

Das Schlüsselwort bei all dem scheint „Daten“ zu sein. Aber um welche Daten genau geht es denn eigentlich und vor allem: Wo kommen diese Daten her? 

 Die große Herausforderung beim Thema „Daten“ ist, dass es nicht den einen Datensatz gibt, der Mobilität sowohl von der Nachfrager- als auch Anbieterseite vollständig abbildet. Daher handelt es sich um ein großes „Puzzle“, welches aus unterschiedlichen Datenquellen zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengesetzt werden muss. Unser Ziel ist es, ein möglichst ganzheitliches Bild der ausgewählten Region und ihrer Mobilitätssituation zu zeichnen. Unsere Pinsel und Farben sind dabei verschiedene und vielschichtige Datensätze. Dabei schauen wir uns zum Beispiel offensichtliche Informationen wie Daten zur allgemeinen Mobilität anhand von Fahrplänen, Streckennetzen, Kfz-Bestand etc. an, gehen dann einen Schritt weiter und überprüfen zum Beispiel infrastrukturelle Daten bis wir uns schließlich für eine Detailaufnahme auf Basis sozio-ökonomischer Daten die Bevölkerungsstrukturen und tatsächlichen Bedarfe vor Ort anschauen. All diese Datenschichten legen wir schließlich übereinander, prüfen sie miteinander ab und entwickeln so ein gesamthaftes Bild der Mobilitätsbedarfe im jeweiligen Untersuchungsraum. 

Wenn du auf Basis all der bisher gefahrenen Analysen eine Prognose für die Zukunft aussprechen müsstest: Wie sieht unsere Mobilität in 10-15 Jahren aus? 

Meine persönliche Vision der Mobilität der Zukunft ist vor allem eins: integriert und digital. Denn nur wenn wir all die verschiedenen Lösungen, die wir in etablierten und neuen Mobilitätsformen gleichermaßen finden, in einem gemeinsamen Horizont denken, kann sich der Anspruch an eine nachhaltige, bedarfsgerechte, flexible und effiziente Mobilität beweisen. Gleichzeitig bietet die Digitalisierung neue Formen der Kommunikation, die sowohl den Verkehrsteilnehmer als auch die eingesetzten Fahrzeuge sowie die ihn umgebende Infrastruktur miteinbezieht. 

Ich bin davon überzeugt, dass heutige Systeme miteinander verschmelzen und in ein integriertes Produkt münden werden. So beschäftigen wir uns z.B. gerade sehr intensiv damit, wie die Digitalisierung des klassischen Busverkehrs aussehen könnte. Was passiert, wenn ein Bus nicht mehr starr die gleichen Haltestellen einer Linie in einer festen Reihenfolge abfährt, sondern flexibel auf Basis der aktuellen Mobilitätswünsche? Hier sind wir als ioki Pioneer und wollen die Zukunft schon heute aktiv mitgestalten – nicht durch eine „Entwederoder-Lösung“, sondern durch ein „optimales“ Gesamtsystem ÖPNV. 

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