/ Reading: 3 min.

4. Sep.
/ Germany
Das Wiener Modell
Die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien gehören zur internationalen Spitze. Das Netz ist dicht und der Takt ist eng. Es ist so gut ausgebaut, dass man den Fahrplan faktisch gar nicht kennen muss. Insgesamt werden hier am Tag 2,61 Millionen Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B befördert. Die Beliebtheit lässt sich auch im Modal-Split erkennen, denn: Die ÖPNV-Nutzer haben die Autofahrer überholt. Rund 38 Prozent der Strecken werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt, mit dem Auto „nur noch“ 27 Prozent.2 Doch was macht das imperiale Wien anders als andere Städte?

Alternative Herangehensweise 
Anders als andere Großstädte hat Wien erkannt, dass das Konzept einer vollumfänglich autogerech
ten Stadt weder umweltfreundlich noch praktisch – und auch nicht wirklich lebenswert – ist. Es wird darauf gesetzt, das Autofahren so unattraktiv wie nötig und die Nutzung des ÖPNV so leicht und kostengünstig wie möglich zu gestalten. In vielen anderen Großstädten ist die Reaktion auf Staus und Verkehrsverengungen der Bau von neuen Straßen und Nutzflächen für den motorisierten Individualverkehr. In Wien ist es umgekehrt. Hier werden Autofahrer nicht unterstützt, sondern sabotiert, um sie auf den öffentlichen Verkehr umzuleiten. Es werden z.B. systematisch Staus erzeugt, indem an Straßenbahnhaltestellen die Gehwege bis zu den Ausstiegen vorgezogen wurden, sodass Autofahrer warten müssen, bis das Ein- und Aussteigen beendet ist. Im Anschluss müssen sie dann umständlich eine Verkehrsinsel umfahren.  

Das Einschränken von Autofahrern alleine reicht allerdings nicht aus. Auch dem ÖPNV-Konzept der Landeshauptstadt wurde frischer Wind eingehaucht. Ein Highlight ist hier, dass die Jahreskarte seit 2012 nur noch 365 Euro im Jahr kostet. Praktisch besteht also die Möglichkeit, für 1 Euro am Tag in Wien herumzufahren. Allerdings gilt diese Reglung nur, wenn man die Jahreskarte auf einmal zahlt. Zahlt man die Karte monatlich, so kommt man auf insgesamt 396 Euro pro Jahr. Das ÖPNV-Netzwerk ist nicht nur für die Nutzer tagsüber optimiert. Auch an die Nachtschwärmer wird gedacht. In der Nacht kommen neue, alternative Betriebsformen wie Ride-Pooling zum Einsatz. Sammelbusse können per Telefon bestellt werden und chauffieren die Fahrgäste von Sammelstelle zu Sammelstelle. Eine effiziente und besonders nachhaltige Lösung. 

Auch in Sachen autonomes Fahren setzt die Stadt auf Fortschritt. In Wiens realem Zukunftslabor, „Der Seestadt“, ging im Juni 2019 der erste fahrerlose Autobus in Betrieb. Das Forschungsprojekt wird vom Verkehrsministerium im Rahmen des Programms Mobilität der Zukunft gefördert, da die Stadt erkannt hat, das autonomes Fahren das Potenzial bietet, Städte langfristig und nachhaltig zu verändern. Mittlerweile wurde die Flotte auf zwei Busse aufgestockt.

Durch den realen Test der Technologieinnovation soll ein Grundstein gelegt werden, um den Start für zukünftige, autonome Buslinien zu erleichtern. 

Weiterhin Mobilität garantieren 
Wien ist eine Stadt in ihrer vollen Blüte. Ihre Bevölkerung wächst und auch flächenmäßig dehnt sich die Stadt immer weiter aus. Der Mobilitätsstandard ist bereits hoch. Diesen allerdings auch bei erschwerten Anforderungen so zu halten, um den Wienerinnen und Wienern weiterhin effiziente Mobilitätslösungen garantieren zu können, stellt Verkehrsplaner vor eine große Herausforderung. Es bleibt weiter spannend, wie Wien in der Zukunft auf die Herausforderungen moderner Mobilität reagieren wird. Eins steht allerdings fest: In Sachen ÖPNV können sich andere Städte von Wien einiges abschauen – und wenn es der Mut ist, Verkehr anders zu denken.

Neuester Artikel

Nachgefragt bei Jakob Kammerer

Nachgefragt bei Jakob Kammerer

Jakob Kammerer ist Head of Autonomous Mobility bei ioki und ist damit für die Entwicklung der Software verantwortlich, die fahrerlose Fahrzeuge mit unserem Betriebssystem für digitale Mobilität verbindet. Nach dem Erlangen seines Bachelor of Science in Fahrzeugtechnik an der TU Ilmenau im Jahr 2014 entwickelte er sich über mehrere Stationen bei Daimler, General Motors und der PSA Gruppe im Mobilitätsbereich immer weiter. Heute sprechen wir mit Jakob über die Königsdisziplin der fortschrittlichen Mobilität: das autonome Fahren.

Nachgefragt bei Jörg Starr

Nachgefragt bei Jörg Starr

Jörg Starr hat in der Automobilindustrie schon einige Stationen durchlaufen. Als Manager war er bereits bei Smart und Daimler tätig. Heute arbeitet der Experte für Wasserstoffmobilität bei Audi. Zudem ist Jörg Starr Vorsitzender der Industriepartnerschaft Clean Energy Partnership (CEP). Technologie-, Mineralöl- und Energiekonzerne, Gasproduzenten sowie Automobilhersteller arbeiten hier gemeinsam an der flächendeckenden Etablierung der emissionsfreien Mobilität mit Wasserstoff und Brennstoffzelle.

Verwandte Artikel

Nachgefragt bei Jakob Kammerer

Nachgefragt bei Jakob Kammerer

Jakob Kammerer ist Head of Autonomous Mobility bei ioki und ist damit für die Entwicklung der Software verantwortlich, die fahrerlose Fahrzeuge mit unserem Betriebssystem für digitale Mobilität verbindet. Nach dem Erlangen seines Bachelor of Science in Fahrzeugtechnik an der TU Ilmenau im Jahr 2014 entwickelte er sich über mehrere Stationen bei Daimler, General Motors und der PSA Gruppe im Mobilitätsbereich immer weiter. Heute sprechen wir mit Jakob über die Königsdisziplin der fortschrittlichen Mobilität: das autonome Fahren.

Einsteigen, bitte! Nächster Halt: autonomes Fahren

Einsteigen, bitte! Nächster Halt: autonomes Fahren

ioki hat sich im Bereich des autonomen Fahrens bereits als Vorreiter etabliert und einige Meilensteine für den deutschen Markt gesetzt, vom Testbetrieb auf geschlossenem Gelände bis hin zur Verknüpfung eines On-Demand-Buchungssystems mit autonom fahrenden Fahrzeugen. Im März 2021 wurde das „Gesetz zum Autonomen Fahren“ im Bundestag vorgestellt, was klar zeigt: Die Thematik bekommt nicht nur bei Mobilitätsgestaltern, sondern auch auf politischer Ebene ein stärkeres Gewicht. Im vorgestellten Gesetzesentwurf wurden rechtliche Rahmenbedingungen für ein vollautomatisiertes Fahren in bestimmten Bediengebieten festgelegt. Darüber hinaus sollen weitere Investitionen in Forschung und Entwicklung des Bereichs fließen, um die Mobilität der Zukunft sicherer, umweltfreundlicher und vor allem nutzerzentriert zu gestalten. „Deutschland wird als erstes Land weltweit autonome Fahrzeuge aus den Forschungslaboren auf die Straße holen“, sagt Bundesminister Andreas Scheuer1 – daran arbeitet ioki bereits seit mehreren Jahren und zeigt sich als hier voranschreitender Innovator.