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5. Mai.
/ Deutschland
NACHGEFRAGT bei Professor Stephan Rammler
Stephan Rammler ist Professor für Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und seit Oktober 2018 wissenschaftlicher Direktor des IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Außerdem ist er der Gründer des Instituts für Transportation Design (ITD) mit Mobilitäts- und Zukunftsforschung als Arbeitsschwerpunkte. Für seine Arbeiten zur umweltschonenden Fortbewegung erhielt er 2016 den ZEIT-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ in der Kategorie Wissen. Wir haben mit Professor Rammler über das Erforschen der Zukunft, den Mobilitätsbegriff allgemein sowie die aktuellen Geschehnisse und deren Bedeutung für ein möglicherweise neues Mobilitätsverständnis gesprochen.

Professor Rammler, Sie sind Zukunftsforscher. Doch wie genau erforscht man eigentlich die Zukunft? 
Der Ruf des Zukunftsforschers eilt mir zwar voraus, als Politologe, Ökonom und Techniksoziologe würde ich mich selbst jedoch gar nicht als ein solcher bezeichnen. Oder anders formuliert: Ich verstehe mich selbst vor allem als empirisch arbeitende
r Wissenschaftler und dieses Selbstverständnis steht in gewisser Weise im Kontrast zu dem Forschungsgegenstand der Zukunft. Denn Zukunft als etwas noch nicht Existierendes lässt sich im eigentlichen Sinne nicht wissenschaftlich, gar empirisch, erforschen – nennen wir es also lieber Zukunftsanalytik. Und diese kann nur aussagekräftig und damit relevant sein, wenn sie auf einer breiten theoretischen und wissenschaftlichen Basis steht. Besonders wichtig ist dabei, dass diese Basis, die Grundlage aller Prognosen, nicht eindimensional angelegt ist, sondern vielmehr interdisziplinär die verschiedenen Perspektiven auf eine Problemstellung abbildet.  

Am Beispiel der Mobilität sieht das folgendermaßen aus: Als zukunftsorientierter Mobilitäts-Wissenschaftler muss man die Fähigkeit besitzen, Mobilität als komplexes Konstrukt und auf Basis der Gegenwartsdiagnostik zu begreifen und zu durchdringen. Das heißt, dass es zunächst eines dezidierten und empirisch belegten Bildes über die existierenden Ausprägungen von Verkehrsmustern und Bedürfnisstrukturen bedarf. In einem zweiten Schritt muss dieses Bild in einem größeren Horizont reflektiert und gedacht werden – denn in einer so vernetzten Welt wie der unseren kann keine Disziplin alleinstehend und nur für sich analysiert werden. Es geht immer um den Gesamtkontext, aus dem sich Zusammenhänge sowie richtungsweisende Trends ableiten. Einige dieser Trends wirken dabei so langfristig und tiefgreifend, dass wir sie als globale Megatrends verstehen, die sämtliche Lebensbereiche berühren. Dazu zählen Trends wie Urbanisierung, Nachhaltigkeitstransformation, Individualisierung, demografische Entwicklung und nicht zuletzt auch die digitale Transformation. Für sich betrachtet hat jeder dieser Megatrends bereits ein großes Veränderungspotential, doch im Zusammenspiel entfalten sie erst ihre eigentliche transformative Dynamik. Fügen wir nun diese beiden Faktoren, nämlich das Bild von der Funktionsweise einer Gesellschaft und die Wechselwirkung der Megatrends, zusammen, so ist es uns möglich, theoretisch und empirisch fundierte Aussagen über bevorstehende Entwicklungen – und wenn Sie es so möchten: die Zukunft – abzuleiten. Für die Mobilität rücken so schließlich Trends sowie ihnen inhärente Potentiale und Herausforderungen wie Sharing Economy, Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Urbanisierung in den Mittelpunkt.  

Mobilität – darüber haben wir nun schon etwas gesprochen. Aber was ist Mobilität eigentlich? Wie definieren Sie den Begriff? 
Ganz allgemein gesprochen ist Mobilität die Erreichbarkeit von Orten. Als zeitgeografische Wesen bewegen wir Menschen uns von A nach B, um zum Beispiel zur Arbeit zu gelangen, Einkäufe zu erledigen, die Familie oder Freunde zu besuchen…Mobilität ist damit in erster Linie kein Selbstzweck, sondern dient immer der Realisierung von Aktivitäten. Verkehr unterscheidet sich dabei übrigens insofern, als dass sich Verkehr als der empirische Ausdruck unseres Mobilitätsbedürfnisses verstehen lässt. Denn um mobil sein zu können, müssen wir verkehrlich unterwegs sein. Nun ist es in der Vergangenheit leider mehr und mehr zu einer Vermengung dieser beiden Begriffe gekommen und Verkehr und Mobilität wurden nicht zuletzt aus politisch sowie kommunikativen Motiven heraus gleichgesetzt. Unsere aktuelle Herausforderung ist es, die in den Begriffen eigentlich angelegte Trennschärfe erneut herauszuarbeiten und sie so wieder voneinander zu entkoppeln. Denn mit Blick auf Faktoren wie Raumknappheit und Klimawandel sollte es unser aller Ziel sein, ein hohes Maß an Mobilität bei einem minimalen Maß an Verkehr zu ermöglichen.  

Ein entscheidender Treiber ist dabei übrigens die digitale Transformation: Digitale Vernetzung, Automatisierung und die analytische Kraft der künstlichen Intelligenz wirken so zusammen, dass wir eine Nutzeneffizienzsteigerung in der Verkehrsabwicklung erwarten können. Konkret heißt das, dass wir dank digitaler Tools und Lösungen die Fahrzeuge und Wege besser disponieren, Angebot und Nachfrage schneller und bedarfsgerechter miteinander in Einklang bringen sowie die bestehende Infrastruktur effizienter auslasten können. Es bedarf genau solche innovativen Angebote zur Nutzeneffizienzsteigerung, wie zum Beispiel die von BerlKönig und ioki, um die knappen Ressourcen und Räume so effizient wie möglich zu nutzen und dabei unser bereits zuvor beschriebenes Zielbild von mehr Mobilität und weniger Verkehr zu realisieren.  

Können Sie sich vorstellen, dass die aktuelle Krise die Chance birgt, unser derzeitiges Mobilitätsverständnis zu reflektieren und dahingehend zu erneuern?
Aus der Soziologie der Gewohnheit wissen wir: Eine Routine muss für 28 Tage verändert werden, damit sich ein nachhaltiger Umgewöhnungseffekt einstellen kann. Nun, der zeitliche Faktor scheint auf unserer Seite zu sein. Die Krise ist auf jeden Fall lang und tiefgreifend genug angelegt. Doch diese Antwort allein würde zu kurz greifen. Fest steht, dass die aktuelle Situation die Gesellschaft als Ganzes zwingt, sich zu verändern. Aufrufe zu Abstand verlangen von uns weniger soziale Interaktion und weniger Interdependenzen von unseren Mitmenschen. Als unumstößlich soziales Wesen wird der Mensch jedoch auch jetzt einen Weg finden, seine Sozialität auszudrücken. Der beste Beweis dafür ist die steigende Nachfrage nach Telekommunikationslösungen. Diese erleichtern uns aktuell nicht nur die Kontaktpflege im Privaten. Mit dem Umzug ganzer Unternehmen ins Homeoffice gewinnt die digitale Kommunikation massiv an Aufwind. Es zeigt sich, dass viele Wege, die wir zuvor als Dienstreisen oder Arbeitswege zurückgelegt haben, nicht unbedingt notwendig sind. Die digitale Transformation stellt uns hinreichende Alternativen zur Verfügung. Mit Blick auf unser zukünftiges Mobilitätsverständnis birgt diese Beobachtung ein besonderes Potential: Zukünftig, das zeigt uns die aktuelle Situation mehr denn je, geht es nicht nur darum, Verkehr zu minimieren, sondern – wenn verhältnismäßig – gar zu substituieren.  

Meine leise – und dabei betone ich leise sehr deutlich – Hoffnung ist es, dass die Krise uns genau diesen Pfad einschlagen lässt und wir unsere derzeitigen Mobilitätsmuster zu durchbrechen vermögen. Ich kann mir vorstellen, dass in Teilbereichen technologische, soziokulturelle oder soziotechnische Innovationen stattfinden werden, die im Bereich der Virtualisierungsstrategie und Telekommunikation neue Formen von Arbeiten oder vielleicht auch neue Formen von Siedlungen entstehen lassen, die etwas verkehrsärmer und gleichzeitig digital vernetzter sind. Ein groß angelegtes, kulturelles Transformationsprojekt erwarte ich jedoch nicht.  

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