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1. Jul.
/ Germany
Großbritanniens Busmarkt – Potentiale nutzen, Innovationen etablieren
Die nationale Busstrategie Englands „Bus Back Better“ besagt, dass im Jahr 2019/20 in England rund 4,07 Milliarden Fahrten mit dem Bus unternommen wurden. Dies entspricht mehr als doppelt so vielen Fahrten wie mit der Bahn. Egal ob zur Arbeit, zur Bildungseinrichtung oder in der Freizeit: der Bus ist in Großbritannien das ÖPNV-Transportmittel Nummer 1. Jedoch ist auch hier nicht alles Gold was glänzt. Trotz der hohen Nachfrage gibt es Verbesserungspotentiale im Hinblick auf die Angebotsqualität, Fahrpreise, Auslastung und Effizienz von Busverkehren. Die offenen Handlungsfelder sind vor allem auf den deregulierten Markt für Busdienste zurückzuführen.

Die Folgen der Deregulation für den Busmarkt
Im Jahr 1986 wurde der Buslinienverkehr in Großbritannien im Rahmen des
„Transport Act“ dereguliert. Durch die Aufhebung der regulatorischen Maßnahmen, wurden seit den 1930er Jahren erstmals wieder Wettbewerbsverhältnisse auf dem lokalen Busmarkt ermöglicht. Dies hatte unter anderem zur Folge, dass Verkehrsinfrastrukturen vermehrt da ausgebaut wurden, wo sie sich als besonders profitabel erwiesen. Jedoch ist eine schwach ausgebaute Mobilitätsinfrastruktur in bestimmten Gebieten nicht die einzige Folge der Deregulation. In Großbritannien haben insgesamt fünf Busunternehmen eine Oligopolstellung inne. Eine  regionsübergreifende Vernetzung zwischen den Diensten findet oftmals nur im limitierten Ausmaß statt. Dies führt dazu, dass sich in der Branche an bestimmten Knotenpunkten Verbesserungspotentiale auftun, welche Auswirkungen auf Ticketpreise, die Reiseplanung, die Effizienz und Zuverlässigkeit der Verkehre, sowie die Integration der Angebote haben kann. Innovative, digitale Lösungsansätze können dabei helfen, bestehende Mobilitätsinfrastrukturen nachhaltig zu stärken. Das oberste Ziel in Großbritannien ist es also, die Nutzung öffentlicher Verkehrsangebote zu erhöhen und gleichzeitig Betriebskosten zu verringern. 

Digitale Lösungen für einen zeitgemäßen ÖPNV
Um den Menschen vor allem in weniger dicht besiedelten, oft ländlichen oder suburbanen Gebieten, eine bedarfsgerechte Mobilität bieten zu können, müssen neue Angebote zum Einsatz kommen. Allerdings sollten dabei auch bestehende Verkehre nicht mit einer negativen Konnotation betrachtet werden. Die Lösung besteht darin, neue Angebotsformen zu erschließen und Potentiale im bestehenden Service vollständig zu nutzen, stets mit der ökonomischen und ökologischen Wirkung im Blick. 

Aufbauend auf einer Mobilitätsanalyse, mit der die tatsächlichen Mobilitätsbedürfnisse vor Ort analysiert werden, können so zum Beispiel flexibel anpassbare On-Demand-Lösungen für alle etabliert werden. Durch die Integration einer digitalen Lösungen wird Mobilität ganzheitlich gedacht und ein Silodenken bei der Verkehrsplanung vermieden. Per App oder Telefon kann dann ein dynamisches Fahrzeugsystem genutzt werden, ohne fest vorgegebene Fahrpläne oder Routen. Hierdurch entsteht ein digitaler und barrierefreier Bedarfsverkehr. Durch die Digitalisierung des aktuellen Mobilitätsangebotes verbessert sich allerdings nicht nur der Zugang zum aktuellen Mobilitätsangebot, sondern auch dessen Wirtschaftlichkeit. Fahrzeuge setzen sich erst dann in Bewegung, wenn wirklich Bedarf besteht.  

Auf den Straßen von Großbritannien
Gemeinsam mit unserem Partner Arriva Bus UK haben wir bereits im vergangenen Juli unseren ersten On-Demand-Verkehr in Großbritannien auf die Straße gebracht. In Watford, rund 30 Kilometer nordwestlich von London, bringen seit fast einem Jahr barrierefreie Kleinbusse ihre Mitfahrer bedarfsgerecht von A nach B. Der Service kann über die Smartphone-App „ArrivaClick“ bestellt werden und ermöglicht den Menschen vor Ort eine einfache Fortbewegung. Jedoch ist der Service mehr als nur ein ÖPNV-Zubringer. Da das Angebot flexibel anpassbar ist, wird es seit Februar diesen Jahres zusätzlich als Impfshuttle eingesetzt, um Menschen einfach und unkompliziert zum Impfzentrum zu transportieren.   

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NACHGEFRAGT bei Tyll Diebold

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Tyll Diebold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrsplanung und Logistik an der TU Hamburg. Er hat das Projekt ioki Hamburg von Anfang an wissenschaftlich mitbegleitet und vor Kurzem die Studie „On-Demand-Angebote als Bestandteil des ÖPNV“ veröffentlicht. Nach seinem Master of Science in „Logistik, Infrastruktur und Mobilität“ an der TU Hamburg im Jahr 2016, war er zunächst für ein Jahr in einem Ingenieurbüro tätig, ehe er zur Promotion an die TU Hamburg zurückkehrte.

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NACHGEFRAGT bei Andrés Vargas Díaz

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Andrés ist studierter Bauingenieur und spezialisierte sich im Rahmen seines Studiums auf die Planung und den Betrieb von Verkehrssystemen. Seit 2019 arbeitet er bei ioki im Mobility Analytics Team und war maßgeblich dafür mitverantwortlich, die ioki Studie zur öffentlichen Mobilität in Deutschland auf die Straße zu bringen.