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10. Dez.
/ Germany
Mobilität 2040: Gedanken, Ideen, Impulse
Stadt versus Land: Spricht man über Mobilität, kommt man um eine Unterscheidung zwischen urbanem und ländlichem Raum kaum umher. Denn während es in der Stadt nahezu ein Überangebot an neuen, digitalen Mobilitätslösungen gibt, wirkt der ländliche Raum regelrecht unterrepräsentiert auf dem Innovationsmarkt.

Doch woran liegt das eigentlich und vielmehr noch: Beschreibt eine solche Unterscheidung überhaupt noch unsere tatsächliche Lebensrealität oder greift sie in Zeiten intermodaler, internationaler, ja eigentlich globaler Mobilität nicht eher viel zu kurz?

Die ADAC Studie „Mobilität 2040“ schlägt vor, Mobilität perspektivisch nicht nur unterschieden in Stadt und Land zu betrachten, sondern ein vielschichtigeres Modell anzusetzen: Aus einer zweiseitigen Medaille wird ein mehrdimensionales Gefüge aus unterschiedlichen Mobilitätsräumen, das nicht nur das Stadt-Land-Gefälle berücksichtigt, sondern den Blick weiter schweifen lässt – auf Metropolregionen, vorurbane Gebiete und City-to-City- sowie internationale Verbindungen. Damit wird das grundlegende Verständnis von Mobilität auf eine paradoxe Weise lokaler. Denn je feiner man in der Unterscheidung vorgeht, desto ortsbezogener werden die einzelnen Kacheln, gleichzeitig kristallisieren sich aber auch Räume heraus, die selten für sich stehen, sondern als zentrale Knotenpunkte vielmehr ein wesentlicher Bestandteil in einem umfassenden Mobilitätsnetz werden.

Dass wir uns dabei fortwährend zwischen den einzelnen Räumen hin und her bewegen, ist nur logisch. Denn während unser privater Lebensmittelpunkt in einem sogenannten Linked Space, also einem vorurbanen Gebiet, stattfinden mag, pendeln wir täglich aus diesem heraus und hinein in den Condensed Space, einen vom – so zumindest die hoffnungsvolle Vision – Auto weitestgehend befreiten städtischen Raum.

Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch: Mobilität wird perspektivisch zur Nebensache. Denn in Zeiten vielseitiger Services und immer neuer und innovativer Lösungen scheint nahezu kein Weg mehr zu weit, kein Ziel zu entfernt, keine Strecke unüberwindbar. Dabei ist die Betrachtung der Mobilität als Selbstverständlichkeit jedoch keine Degradierung eben jener. Im Gegenteil – sobald die Mobilität genau diesen Zustand erreicht, erst dann erfüllt sich die Prophezeiung einer tatsächlichen Mobilität der Zukunft.

Im Übrigen koppelt sich Mobilität dieser Logik folgend noch stärker von dem Umstand des Verkehrs ab, als wir es ohnehin schon erleben. Denn während Verkehr ein negativ konnotierter Begriff ist und uns ängstlich auf die nächste Staumeldung warten lässt, wird Mobilität immer mehr zur Verheißung. Dabei geht es weniger darum, von A nach B zu gelangen. Es geht darum, über nachhaltige und bedarfsgerechte Lösungen den städtischen Raum zu entlasten und seinen Bewohnern wichtige Lebensqualität zurückzugeben, darum, ländliche Regionen zu emanzipieren, ihre Standortattraktivität zu steigern und so neue Potentiale zu heben – und schließlich geht es darum, Menschen zu verbinden. Denn während Verkehr vor allem langsamere, schwächere oder eingeschränkte Teilnehmer abhängt, ermöglicht Mobilität Teilhabe für alle. Sei es die ältere Dame, die sich zum Kaffeekränzchen trifft, der junge Rucksackreisende, der neue Länder und Kulturen kennenlernt oder die sehbehinderte Studentin, die über eine barrierefreie Mobilität die gleichen Freiheiten wie ihre Kommilitonen nutzen kann.

Die Weichen für eine zukunftsweisende Mobilität scheinen damit gestellt. Nun gilt es, auf Basis der Digitalisierung neue Produkte, Lösungen und Services zu entwickeln, die es uns ermöglichen, genau jene Visionen umzusetzen und ihnen ausreichend Raum und Zeit zuzugestehen, damit sie sich langfristig bewähren können.

 

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NACHGEFRAGT bei Tyll Diebold

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Tyll Diebold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrsplanung und Logistik an der TU Hamburg. Er hat das Projekt ioki Hamburg von Anfang an wissenschaftlich mitbegleitet und vor Kurzem die Studie „On-Demand-Angebote als Bestandteil des ÖPNV“ veröffentlicht. Nach seinem Master of Science in „Logistik, Infrastruktur und Mobilität“ an der TU Hamburg im Jahr 2016, war er zunächst für ein Jahr in einem Ingenieurbüro tätig, ehe er zur Promotion an die TU Hamburg zurückkehrte.

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NACHGEFRAGT bei Andrés Vargas Díaz

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Andrés ist studierter Bauingenieur und spezialisierte sich im Rahmen seines Studiums auf die Planung und den Betrieb von Verkehrssystemen. Seit 2019 arbeitet er bei ioki im Mobility Analytics Team und war maßgeblich dafür mitverantwortlich, die ioki Studie zur öffentlichen Mobilität in Deutschland auf die Straße zu bringen.